Apr 302011
 

Was mich an Journalismus fasziniert, ist, dass es uns ermöglicht, objektive Berichterstattungen über die Ereignisse der Welt zu verfolgen, die uns Fakten und Wahrheiten liefern, und die uns helfen, die Ereignisse von ihren Emotionen zu abstrahieren. Journalismus hilft uns zu begreifen was vor sich geht ohne dass wir in unseren eigenen emotionalen Reaktionen ertränkt werden, würden wir diese Dinge selbst erleben. Guter Journalismus ermöglicht uns einen Rundumblick auf Fakten, die uns persönlich entgehen würde, oder die uns nicht zugänglich wären.

Fotojournalismus und Reportagefotografie sind dabei ein heute selbstverständlicher Bestandteil dessen, wie wir Nachrichten und Berichterstattungen in den Medien auffassen.

Schlagen wir eine (gute!) Zeitung auf oder öffnen eine Artikel auf einer Nachrichtenseite im Internet werden wir zwangsläufig nach einiger Zeit über derartige Fotos stolpern. Wir sind so daran gewöhnt, dass jemand anwesend war, um eine bestimmte Begebenheit zu dokumentieren, dass wir uns häufig nicht die Frage stellen, in wiefern die “Wahrheit”, die wir im Journalismus suchen, und die Objektivität, die wir häufig als gegeben hinnehmen, in diesen Bildern wiedergegeben wird.

Eigentlich sollte ich heute ein Boot zu Wasser lassen, aber als ich mich auf der Langenmarckstraße plötzlich mit einer Straßensperre konfrontiert sah, fiel mir wie Schuppen von den Augen, dass der 30. April als Tag vor dem 1. Mai wohl zur ersten Probe für das Bremer Bündnis “Keinen Meter” werden würde: Die NPD hatte eine Demonstration mit anschließender Kundgebung in der Bremer Neustadt angemeldet und der DGB hatte zu einer Gegendemonstration aufgerufen. In Folge der Sperren, die von rund 3000 Polizeibeamten aufgebaut wurden, fiel meine Busverbindung aus. Also heute keine Bootswasserung…

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Zum Glück gehe ich selten irgendwohin ohne meine Kamera – auch wenn ich sie diesmal in einer Tasche transportiert habe, die mir das Tragen im Laufe der nächsten fünf Stunden reichlich vergählen sollte.

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Die Menge der 4000 Gegendemonstranten war reichlich in Bewegung und es gab ausreichend Konfrontationen mit der Polizei, die versuchte, die Gegendemonstration von Umzug und Kundgebung der rund 200 NPD-Demonstranten fern zu halten.

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Emotionen schlugen hoch, natürlich besonders als nach längerem Warten und Umpositionierung der Gegendemonstranten endlich der Aufzug der Nazis um die Ecke bog: Mit Sprechchören und dem ganzen Repertoire an Geräuschgerät wurde versucht, den Nazis Feuer unter den Hintern zu machen und ihnen den Umzug unangenehm zu gestalten, wenn er denn schon aufgrund des hohen Polizeiaufgebotes nicht physisch zu stoppen war.

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Wobei wir beim Thema wären: Der Fotograf in mir sucht nach Bildern, die eindrücklich sind, die Emotionen erzeugen oder zumindest wiedergeben, die den Betrachter anhalten, über das Bild nachzudenken. Der Journalist in mir sucht nach “der Wahrheit”, nach einer objektiven Berichterstattung. Hier beginnt der Konflikt.

Das visuell beeindruckendste Foto von diesem Tag ist meiner Meinung nach untenstehende. Seht es euch bitte für einen Moment lang an bevor ihr weiter lest.

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Ist das Bild “wahr”?

Ich denke, dass es das nicht ist. Nicht, weil der Augenblick nicht so stattgefunden hätte und ich ihn mit Bildbearbeitungsprogrammen oder durch Stellen der Szenerie manipuliert hätte.
Das Bild ist nicht “wahr”, weil es einen winzigen Augenblick aus dem Geschehen als Ausschnitt wiedergibt. Der Rahmen dessen, was ich mit dem Bild zeige wird durch meine fotografischen (“künstlerischen”) Entscheidungen beeinflusst:
Die gewählte Belichtungszeit lässt Teile des Bildes im Dunkeln die möglicherweise sonst Aufschluss über andere Details der Szenerie geben würde. Habt ihr gesehen, dass da “Polizei” auf der Uniform steht, und es kein Demonstrant war? Ja? Gut! Was aber, wenn ich mich entschlossen hätte, das Bild nur eine Winzigkeit anders zu komponieren und den Schriftzug nicht zu beeinhalten (oder ihn gar der Komposition wegen später weggeschnitten hätte)? Sicher würde die gesamte Reaktion auf das Bild dadurch beeinflusst werden.

Steinewerfer! Rauchgranaten! Heiliger Bimbam…

In Wahrheit sind wohl Steine geflogen, und auch diese Rauchgranate erschien nicht aus dem Nichts. Dennoch ist die “Wahrheit” dieses Bildes zu bezweifeln.

Hier eine weitesgehend unbearbeitete Version des Bildes (z.B. ohne Belichtungskorrektur) und eine in Schwarz/Weiß um den Einfluss von Farbwahl auf die Bildwirkung zu demonstrieren:

Das wäre ein Beispiel dafür, wie die “Beschneidung” der Wirklichkeit durch den Fotojournalisten geschehen kann. Natürlich sieht es der Berufsethos vor, dass dies so nicht geschieht, aber auch ein Fotojournalist, speziell ein Freiberufler, steht unter dem Druck, beeindruckende Bilder zu liefern. Natürlich sind Momentaufnahmen aus dem größten Gerangel unheimlich eindrucksvoll.
Aber auch hier können wir durch die Wahl unserer Motive entscheiden, eine “andere Wahrheit” darzustellen. Zum Beispiel kann ich es verstehen, was der Kollege (und er war nicht allein) im untenstehenden Bild macht. Dennoch bin ich der Meinung, dass, obwohl dies möglicherweise eines der beeindruckendsten Bilder des Tages sein könnte, die Wahrheit der Demonstration dadurch verzerrt wird. Dies war die einzige Rauchgranate, die ich über vier Stunden hinweg gesehen habe.

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Mein Punkt hier ist Kontext, und aus dem Kontext gerissen können sowohl Worte als auch Bilder sehr einfach für Zwecke missbraucht werden, die wir so gar nicht beabsichtigt haben. Daher würde ich zum Beispiel nicht wollen, dass die Bilder, die ich hier zeige, ohne einen Hinweis auf den Kontext oder ohne eine Beschreibung der Begebenheit dargestellt werden, weil sie einfach unterschiedlich interpretierbar sind. Um das zu demonstrieren habe ich das untenstehende Bild gemacht: Wasserwerfer und “Bürger in Wut” – das Eine hat mit dem Anderen nichts zu tun, aber das Bild suggeriert das für jemanden, der den Kontext und Hintergrund nicht kennt und sich auf das Bild als Bestandteil der Berichterstattung verlässt.

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Zurück zur Demonstration:
Unter den friedlichen Demonstranten fanden sich aber auch einige offensichtlich gewaltbereite Autonome, die bisweilen in Vermummung auftraten und durch vereinzelte “Aktionen” dafür sorgten, dass die Polizei in Bewegung blieb.
Auch ich bin dem Sog der “Aktionen” der Autonomen erlegen und habe versucht, immer dort zu sein, wo etwas passieren würde, da dies die wichtigeren Nachrichten bereit zuhalten schien. Das bedeutete, sich möglichst schnell mit den Herrschaften zu bewegen und im Endeffekt sogar einen Knüppelschlag gegen den Oberschenkel zu kassieren… zur falschen Zeit am falschen Ort. Oder aber gerade am Richtigen.

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Die Demonstration endete schließlich am Weserdeich, wo eine kleine Gruppe von Demonstranten es geschafft hatte, die Schienen vom Bahnhof Neustadt zum Hauptbahnhof mit Barrikaden und einer Sitzblockade ausser Betrieb zu setzen, um die Abreise der Nazis von ihrer Kundgebung zu behindern. Im Umfeld dieser Barrikade kam es noch zu vereinzelten Auseinandersetzungen mit der Polizei.

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Glücklicherweise sind aber größere Zusammenstöße ausgeblieben, das massive Aufgebot der Polizei scheint da seine Wirkung gezeigt zu haben.

Wenn ihr jetzt noch nicht genug Bilder von der Demonstration gesehen habt, empfehle ich die Bildergallerien auf der Webseite des Weser-Kurier. Spezielle Gallerie Nummer 2 und Nummer 4 gefallen mir gut, wobei Nummer 3 zugegeben reichlich langweilig ist.

Meine Bilder sind wie immer alle auf dem BREportage-Flickraccount zu finden.

Habt ihr selbst Gedanken und Kommentare zu dem, was ich oben beschrieben habe, würde ich mich sehr darüber freuen und bin gerne bereit, mich dort einer Diskussion zu stellen – oder mich berichtigen zu lassen.