Okt 082011
 

Slam-Poeten sind ein seltsames Völkchen – und ein Völkchen in der Tat nur, denn viele gibt es nicht von denen. Das hat den Vorteil, dass man sich untereinander kennt – und wenn das am Anfang des Abends noch nicht der Fall ist, dann wird der Abend doch umso intensiver genutzt, um sich kennen zu lernen. Schließlich wird man sich wieder treffen. Und wieder. Und wieder, wie zum Beispiel am 21. September 2011. Christian Bruns hatte zur vierten Ausgabe des “Slam on the Rocks” ins Kuss Rosa in der Bremer Neustadt eingeladen, und elf Poeten waren gekommen, teils von so weit her wie Schwandorf in Bayern, Halle an der Saale und Berlin.
Und auch mich hatte Christian eingeladen, also hatte ich meinen ungarischen Studienfreund Kristóf dazu bewegt, mitzukommen und seinen ersten Slam zu besuchen.

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Die Beziehung zwischen Publikum und Slam-Poeten ist vielleicht eine der direktesten, die Begegnung zwischen beiden eine der unmittelbarsten in der Welt der Kleinkunst. Der Slam im Kuss Rosa macht dies besonders klar, denn der Veranstaltungsort ist die winzige Bühne hinter dem Gastraum, und die Atmosphäre ist entsprechend intim – fast will man sie “kuschelig” nennen. Slam-Poeten sind hier zur gleichen Zeit auch Publikum, sitzen in den ersten Reihen und können den Auftritt der Mitstreiter (und Konkurrenten) kritisch beäugen – Blicke und kleine Gesten, ein Kopfnicken hier und dort sind sicher ein sehr direkte Feedback für die jeweiligen Darbietenden, aber wenn sie nach ihrem Auftritt wieder eins mit dem Publikum werden, wird umsomehr klar, dass hier ein freundschaftlicher, wenn auch ambitionierter Wettstreit geführt wird.

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Sulaiman Masomi
hatte die zweifelhafte Ehre, der erste Slam-Poet auf der Bühne zu sein. Eigentlich möchte nie jemand als Erster dort oben stehen müssen, als erster dem harten Urteil des versammelten Publikums ausgesetzt sein. Denn das Publikum ist sich meist seiner selbst, und vor allem der Poeten noch nicht sicher. Was wird da kommen? Und wie gut mögen die anderen nach ihm noch sein? Die Bewertungen sind daher zumeist noch ein wenig zurückhaltend.
Meine Frage, als Sulaiman auf die Bühne trat war jedoch eher eine andere: Wird er? Und er tat: Sulaiman kann mit seinen afghanischen Wurzeln, dem “Ausländer” in ihm kokettieren, und die Grenze zwischen political correctness und Persiflage schwimmt. Dabei stellt er fest, dass sich als pigmentgestörter “echter Deutscher” durchschlagen zu müssen auch keine Freude ist und im Gegenteil nicht zur Lösung seiner Probleme beiträgt sondern nur neue hinzufügt. Dann also doch lieber wieder als selbstständiger Dealer im Park sitzen und sich von alten Damen beschimpfen lassen, und die Sonnen in seinem Migrationshintergrund untergehen lassen.
Eine seltsame Beziehung die man in Deutschland mit seinen eigenen Mitbürgern hat – und man sich bei solchen Texten ein fast schuldiges Lachen nicht verkneifen kann. “Jaja, die Ausländer und wir…”

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Der Sebi
gab seinen Text “Als ich einmal Walt Disney war” zum Besten, in dem er sich vorstellt, welche Zutaten es für den ultimativen Film benötigt, samt strahlendem Titelhelden und bitterbösem Bösewicht.

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Loony Lorna
überraschte das Publikum indem sie uns ohne Einleitung mit einem englischsprachigen Text ins tiefe Wasser warf, und uns in die furchterregende, naive, staunende, wimmernde und schreiende Gedankenwelt eines soeben vom Baum fallenden Ahornblattes entführte.

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Butnikowsky
beschwerte sich, dass früher alles besser war.

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Frank Klötgen
gehört zu den ausdrucksstärksten Slam-Poeten, die ich bisher auf der Bühne erleben durfte. Gestik und Mimik fließen mit seinem Text zusammen, den er auf der Bühne frei und ungehemmt reimt, verbinden sich zu einer dichten, gereimten Darbietung. “Fechtgebete 2.0″ sind seine Antwort auf Charlotte Roches zweites Buch, über deren Erstlingswerk und sein Unglück, kein Romanautor geworden zu sein, er sich bereits mit der ersten Version beklagt hat, wie er uns erzählt. Sachbuchautor musste er werden, und Mitleid – getimed auf den unreinen Reim im Gedicht, oder auch, als Hinweis, das Wort “Sachbuchautor” – war was er suchte. Aber man sei gewarnt: Auch ein Banker sollte es sich nicht mit einem Sachbuchautor verscherzen, wenn dieser einen spitzen Degen führt…
Die Dichte, die Darbietung, der gereimte Text mit den verblüffenden Mini-Pointen waren sicher nur ein paar Gründe, weshalb Frank am Ende ins Dreier-Finale einzog und schließlich als Sieger daraus hervor ging.

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Insa Kohler
erzählte vom Problem, sich mit einem auf vier Worte beschränkten französischen Wortschatz durch Frankreich zu schlagen: Der einzige Satz, der ihr noch aus der ersten Lektion ihres Lehrbuches in Erinnerung war, ermöglicht ihr nämlich nur zu sagen, dass Arthur ein Papagei ist… und den wollen sie die schweizer Zöllner schon gar nicht nach Frankreich einführen lassen. “Arthur est un perroquet”! Ach Arthur, was hast Du den Zurückgelassenen nur angetan?

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Papierflügel
erzählte vom Grenzenüberwinden, und davon, zu fallen… und scheute nicht davor zurück, für die Kunst zu leiden: Merke, ungebremste Kniefälle klingen besonders schmerzhaft.

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Julia Balzer
sprach davon, wie Schreiben einfach besser ist, und begeisterte mit ihrem Text das Publikum derart, dass sie als Zweite zusammen mit Frank Klötgen ins Finale einzog.

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Teame Wittler
sind ein Doppelpack mit wechselnden Sprechrollen aus Emden, und die Beiden hatten womöglich den bitterbösesten Text des Abends im Gepäck: Die Verführung des Messdieners… wenn sich der Gottesmann nur endlich an ihm vergreifen würde! Ein frustrierter Messdiener versucht, kurzerhand dem Geistigen eine Gehirnwäsche mit Weihwasser zu verpassen. Zu dumm, dass der Mann offenbar kein Weihwasser atmen kann…
Teame Wittler ist auf jeden Fall mit reichlichem schwarzem Humor gesegnet, und die wechselnden Sprechrollen innerhalb einer handelnden Person gaben dem Ganzen eine zusätzliche psychotische Dimension. Die Beiden überzeugten dabei das Publikum davon, sie ins Finale zu schicken, wo sie schließlich Platz drei belegten.

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Sebastian Everding

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Hauke Prigge
brachte uns als letzter Vortragender vor dem Finale die Weihnachtsgeschichte, wie sie wirklich war.

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Im Finale trug Frank Klötgens mit “Frau Eleanore”, eines Schneiders Lobhymne auf eine Dame von Welt, den Sieg des Abends davon, gefolgt von Julia mit “Wir beide” und Teame Wittler mit der Story vom Ferienjob bei VW in Neuss.
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Preise, Preise! Auch die sollte es geben, und die Finalisten durften sich jeder ein Buch aus einer eklektischen Auswahl wählen: Frank fiel dabei sogar die deutsche Ausgabe der “Mao-Bibel”, die “Worte des Vorsitzenden Mao Tsetung”, in die Hände.
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Und zu guter Letzt noch ein paar Impressionen von der Pause zwischen den Auftritten:

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Wie immer finden sich die Bilder auch auf der Flickr-Seite von BREportage!